CLINQ für Android

Weil Android- und iOS-App nur mit dem Desktop zusammenspielen mussten, durfte sich die Android-App an ihrer Plattform orientieren statt an der Desktop-App.

Zeit im Team
Jan. 2022 – Dez. 2023
Projektzeitraum
Idee bis Release rund vier Monate, danach laufende Weiterentwicklung
Rolle
Einziger Designer, später zusätzlich Product Owner
Zusammenarbeit
Ein PO, drei bis vier Entwickler, laufende Abstimmung mit dem Design-Team
Ergebnis
Release nach rund vier Monaten, danach zwei Jahre Weiterentwicklung mit Schwerpunkt Telefonie. Später aus wirtschaftlichen Gründen zugunsten von satellite eingestellt.
TODO: beschreiben, was auf dem Cover-Bild zu sehen ist

Ausgangslage

CLINQ war ein Softphone für den Desktop, gedacht weniger als Telefon denn als Produktivitäts-App. Mobile Companion-Apps sollten folgen, den Anfang machte Android. Eine bestehende iOS- oder Android-App, an der man sich hätte orientieren können, gab es noch nicht.

Fest stand nur der Kern aus Telefonie und CRM-Kontakten. Offen blieb dagegen, ob sich die App am Aufbau der Desktop-App oder am nativen Verhalten von Android orientieren sollte. Verbreitet war damals der Ansatz, Desktop-Produkte möglichst unverändert auf mobile Geräte zu bringen und überall gleich aussehen zu lassen. Im Team hatte sich dazu noch niemand festgelegt, weil sich die Frage bis dahin nie gestellt hatte.

Entscheidung

Die App wurde nativ für Android gestaltet. Für diese Richtung habe ich argumentiert und sie im Team vorangetrieben.

Anlass waren zunächst Details: Die Desktop-App folgte vielen Mustern, die man von macOS und iOS kennt und die auf einem Android-Gerät fremd wirkten. Ausschlaggebend war aber weniger die Optik als die Nutzung. Niemand verwendet die Android- und die iOS-App parallel, beide müssen mit dem Desktop zusammenspielen, nicht miteinander. Deshalb durften sie sich deutlich unterscheiden und jeweils ihrer Plattform folgen. Eine einheitliche App, die überall gleich aussieht, wäre die naheliegendere und unauffälligere Wahl gewesen. Als Nebeneffekt ließen sich native Komponenten direkt nutzen, statt sie nachzubauen.

Dafür musste fast jedes Feature vom Desktop neu gedacht werden, weniger aus gestalterischen Gründen als wegen des kleineren Bildschirms und einer Verbindung, die jederzeit wegbrechen kann. Hinzu kam die Bandbreite an Android-Geräten, auf denen gute Performance keine Selbstverständlichkeit ist. Auch im Aufbau unterschied sich die App vom Desktop: Sie hatte deutlich weniger Umfang, und wer unterwegs telefoniert, setzt andere Prioritäten als am Schreibtisch.

Am deutlichsten zeigte sich das am Dialpad. Auf dem Desktop gab es keins, weil dort eine Tastatur bereitliegt und Nummern eingetippt oder aus der Zwischenablage eingefügt werden. Auf einem Telefon wird ein Dialpad dagegen erwartet, also bekam die Android-App eins.

Hinter der Richtung stand keine formale Rolle, im ersten halben Jahr war ich noch Azubi. Getragen haben sie ein Vertrauensvorschuss und die Erfahrung aus der eigenen täglichen Android-Nutzung. Was dort ein gewohntes Muster ist, musste im Team oft erst erklärt werden.

Prozess

Zuerst wurden die offensichtlichen Funktionen vom Desktop nachgezogen. Danach fehlte die Sicherheit, was mobil überhaupt gebraucht wird. Auf meinen Vorschlag hin folgten Interviews, die ich vorbereitet und größtenteils selbst geführt habe. Daraus entstanden zwei Features: Notizen während und nach dem Anruf sowie ein besseres CRM-Logging.

Parallel veränderte sich das Produkt. Weil andere Anbieter CLINQ zunehmend aussperrten, wurde aus der anbieteroffenen App erst eine Whitelabel-App und schließlich eine reine sipgate-App. Gestalterisch betraf das vor allem das Onboarding, die App selbst war neutral genug für den Wechsel.

Auch die Rolle verschob sich in dieser Zeit. Die Produktentscheidungen lagen anfangs bei unserer PO, mit der Zeit war ich zunehmend beteiligt und habe die Rolle am Ende übernommen. Die Designentscheidungen lagen durchgehend bei mir, abgestimmt mit dem Design-Team.

Ergebnis

Der Release folgte rund vier Monate nach dem Projektstart. Danach wurde die App zwei Jahre weiterentwickelt, mit Schwerpunkt auf der Telefonie.

Eingestellt wurde sie später aus wirtschaftlichen Gründen. Die beiden In-House-Startups CLINQ und satellite wurden aufgelöst und wieder unter sipgate gebündelt, und vier mobile Apps parallel zu entwickeln, ließ sich absehbar nicht rechnen. Weil satellite die größere Nutzerbasis hatte und am Markt etablierter war, wurde satellite ausgebaut und CLINQ abgelöst. Mit der Entscheidung für native Apps hatte das nichts zu tun, sie wurde bei satellite in Teilen weitergeführt.

Rückblick

Aus heutiger Sicht wäre früher zu klären gewesen, welche Produktivitätsfeatures des Desktops mobil tatsächlich gebraucht werden. Das Anlegen von SIP-Telefonen etwa hätte sich das Team sparen können. Mehr Gewicht hätte außerdem die Telefonie-UX im engeren Sinn verdient, also weniger die Oberfläche als das, was passiert, wenn die Internetverbindung wegbricht, oder wie sich Notifications bei verpassten Anrufen verhalten.

Die Bilanz dieser Zeit fällt trotzdem sehr positiv aus. Schon früh in der Laufbahn gab es Raum, verschiedene Richtungen auszuprobieren, und entsprechend steil war die Lernkurve. Möglich war das durch die frühe Produktphase, in der ohnehin vieles offen war, und durch das Vertrauen, das mir das Team von Anfang an entgegengebracht hat.